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Lab dosieren in der Hofkäserei: IMCU statt Tropfen 2026

139 bis 912 IMCU je Milliliter: So rechnest du die Labmenge für 100 Liter Milch aus, findest den Flockungszeitpunkt und wählst das passende Lab.

Mit KI erstellt · Herausgeber: Sascha Ardeleanu ·
Frische Milch wird in eine Milchkanne gegossen

Lab dosierst du nicht in Tropfen, sondern in IMCU: Belegt sind für Schnittkäse Einlab-Dosen zwischen 38 und 48 IMCU je Liter; als Zielkorridor rechnen wir daraus rund 30 bis 50 IMCU je Liter — unsere Ableitung, keine Vorschrift. Bei Frischkäse wird üblicherweise mit deutlich weniger Lab gearbeitet; dort trägt die Säuerung den größeren Teil der Dicklegung. Die Rechnung lautet Liter mal Ziel-IMCU, geteilt durch IMCU je Milliliter — für 100 Liter bei 40 IMCU je Liter sind das je nach Flasche 4,4 bis 28,8 Milliliter.

Handelsübliche Labpräparate liegen zwischen 139 und 912 IMCU je Milliliter. Das ist Faktor 6,6 zwischen der schwächsten und der stärksten Flasche. Genau deshalb geht die Angabe „5 Tropfen pro Liter“ aus Hobby-Rezepten in der Hofkäserei reihenweise daneben. Dieser Leitfaden zeigt die Rechnung, den Flockungstest am Kessel, den Unterschied zwischen Kälberlab, mikrobiellem Lab und Fermentationslab — und was seit Juni 2026 in Deutschland, Österreich und der Schweiz gilt.

Wie viel Lab brauche ich für 100 Liter Milch?

Die Frage lässt sich nur beantworten, wenn du die Stärke deiner Flasche kennst. Die Rechnung selbst ist eine Zeile:

Milliliter Lab = (Liter Milch × Ziel-IMCU je Liter) ÷ IMCU je Milliliter

Nimm als Beispiel 100 Liter Milch und ein Ziel von 40 IMCU je Liter. Du brauchst also 4.000 IMCU. Was das je nach Präparat bedeutet:

PräparatStärkeMenge für 100 Liter
Naturen®139 IMCU/ml28,8 ml
BioRen® Classic190 IMCU/ml21,1 ml
Fromase® 750XLG765 IMCU/ml5,2 ml
Chy-Max® M912 IMCU/ml4,4 ml
Labpulver (Rechenbeispiel)2.200 IMCU/g1,8 g

Derselbe Zielwert bedeutet also 4,4 Milliliter oder 28,8 Milliliter — Faktor 6,5, je nachdem, welche Flasche im Regal steht. Wer die Menge aus einem fremden Rezept übernimmt, dosiert im Zweifel um das Sechsfache daneben.

Die Gegenprobe machst du am eigenen Regal: Nimm die Dosierempfehlung, die auf deiner Flasche oder im Datenblatt deines Lieferanten steht, und rechne sie mit der Formel auf IMCU je Liter zurück. Landest du im Korridor von rund 30 bis 50, passen Empfehlung und Rechnung zusammen (der Korridor ist unsere Ableitung, kein Normwert). Weicht sie stark ab, ist entweder eine andere Zielfestigkeit gemeint oder die Stärkeangabe stimmt nicht.

Und woher kommt der Zielkorridor von 30 bis 50 IMCU je Liter? Er ist unsere Ableitung aus Versuchen mit echten Kesseln — die dort eingesetzten Dosen liegen enger beieinander. Im 500-Liter-Pilotfertiger wurde ein Schnittkäse vom Gouda-Typ mit 38,5 IMCU je Liter Kälberlab beziehungsweise 44,5 IMCU je Liter mikrobiellem Lab gefahren — für einen Schneidzeitpunkt von 23 bis 25 Minuten. In einem anderen Ansatz bei 33,5 Grad standen 38 gegen 48 IMCU je Liter. Die analytischen Ansätze der Studie decken 30 bis 50 IMCU je Liter bei 31,5 bis 32 Grad ab — daher der weitere Korridor. Agroscope dosierte für Raclette aus thermisierter Milch im 70-Liter-Kessi so, dass die Gerinnungszeit bei 32 Grad 24 Minuten betrug.

Was bedeutet IMCU auf der Labflasche?

IMCU steht für International Milk Clotting Units, also für die Gerinnungsstärke eines Präparats. Gemessen wird sie über die Berridge-Flockungszeit: Das Labpräparat wird gegen ein Referenzenzym verglichen, dessen Stärke in der Norm festgelegt ist. Die Stärke deines eigenen Präparats steht auf der Flasche oder im Datenblatt — nur damit lässt sich rechnen.

Wichtig für die Praxis: Es gibt zwei getrennte Normen, und sie messen nicht dasselbe Substrat.

  • ISO 11815 | IDF 157:2007 gilt für Kälberlab und Fermentationschymosin.
  • ISO 15174 | IDF 176 gilt für mikrobielle Koagulanzien. Wie das Substrat angesetzt wird, beschreibt Jacob (2011): rekonstituierte Magermilch nach IDF 157 mit 0,5 Gramm Calciumchlorid je Liter bei pH rund 6,5; für die Viskositätsversuche wurde davon abweichend mit 0,4 g/l gearbeitet.

Deshalb ist IMCU der einzige belastbare Vergleichswert zwischen zwei Flaschen — und deshalb ist „Milliliter je Liter“ ohne Stärkeangabe wertlos. Wie weit die Präparate auseinanderliegen, zeigt eine Messreihe an handelsüblichen Labtypen:

PräparatArtChymosin/PepsinIMCU/ml
Naturen®Kälberlab80/20139
Carlina®Kälberlab90/10185
BioRen® Classic 80L150Kälberlab80/20190
Kalase®Kälberlab90/10204
BioRen® Premium 94L210Kälberlab94/6215
CoaX 220TLmikrobiell (R. miehei)197
Fromase® 220XLmikrobiell219
Hannilase® XLmikrobiell683
Fromase® 750XLGmikrobiell765
Chy-Max®Fermentationschymosin, bovin100/0187
Maxiren® 600Fermentationschymosin, bovin100/0635
Chy-Max® MFermentationschymosin, Kamel100/0912

Aus der Tabelle springt ein Detail heraus, das im Alltag Geld kostet: Die Typenbezeichnung ist nicht die gemessene Stärke. BioRen Classic trägt die Bezeichnung 80L150, in der Studie ermittelt (Orientierungswert) wurden 190 IMCU je Milliliter. Premium heißt 94L210, gemessen wurden 215. Dazu kommt, dass Chargen und Lagerung streuen. Verlass dich auf das Datenblatt deiner Charge, nicht auf die Zahl im Produktnamen.

Wie finde ich den Flockungszeitpunkt — und wann schneide ich?

Die Rechnung liefert den Startpunkt. Das Urteil fällt die Gallerte im Kessel. Dafür gibt es den Flockungstest.

So läuft er: Nach dem Einrühren des Labs stellst du eine kleine, saubere Schüssel oder ein Glas in die Milch und drehst es langsam. Zuerst dreht die Milch ohne Widerstand mit. Der Moment, in dem die Oberfläche stehen bleibt und erste Flocken sichtbar an der Wand haften, ist der Flockungspunkt. Du notierst die Zeit ab Labzugabe in Minuten — das ist deine Flockungszeit.

Aus dieser Zeit leiten viele Käser den Schnittzeitpunkt ab, indem sie sie mit einem Faktor multiplizieren: Weichkäse bekommen einen größeren Faktor als Hartkäse, weil die Gallerte länger stehen soll. Diese Faktoren sind Erfahrungswerte aus der Praxis, keine Norm. Für konkrete Faktorzahlen je Sorte gibt es keine deutschsprachige Instituts- oder Behördenquelle — belegt ist nur das Prinzip. Nimm den Faktor deshalb als Startwert deines Betriebs, notiere ihn je Sorte und korrigiere ihn nach der Gallerte, nicht nach der Tabelle.

Was du dagegen als Größenordnung ansetzen kannst, sind die Versuchswerte: Schneidzeitpunkte von 23 bis 25 Minuten beim Schnittkäse vom Gouda-Typ, eine Gerinnungszeit von 24 Minuten bei 32 Grad beim Raclette. Die Prüfung selbst bleibt die alte: Fahre mit dem Finger oder dem Messerrücken schräg in die Gallerte und hebe an. Bricht sie glatt und glasig, mit klarer Molke im Spalt, ist sie schnittreif. Bricht sie flockig und läuft trübe Molke nach, ist sie noch zu weich.

Ein Punkt, den die Laborwerte offenlegen: Gemessen wird an rekonstituierter Magermilch mit Calciumchlorid — 0,5 Gramm je Liter nach IDF 157, in den Viskositätsversuchen der Studie abweichend 0,4 Gramm — bei pH 6,5. Deine Kesselmilch weicht davon ab — je nach Herde, Laktationsstand und Vorreifung. Deshalb ist die IMCU-Rechnung der Startpunkt und die Gallerte das Urteil. Wie sauber die Milch überhaupt in den Kessel geht, entscheidet ebenfalls mit; dazu steht mehr im Beitrag zu Zellzahl und Keimzahl in der Hofkäserei.

Genau deshalb lohnt es sich, je Charge Labtyp, IMCU-Ziel, Milchmenge, Temperatur, Flockungszeit und Schnittzeitpunkt festzuhalten — nach drei Monaten hast du deine eigene Kurve statt fremder Faustzahlen. Das Käsereitagebuch von Hofwerk führt dazu die Charge selbst — Herstelldatum, Käseart, Milchmenge und -art, Wärmebehandlung, Los-Nummer, Reifetage und Gewicht; die Prozesswerte schreibst du ins Notizfeld der Charge. Der Zugang ist kostenlos (gratis bis zwei gleichzeitig laufende Chargen).

Bei welcher Temperatur lege ich dick?

Belegbar sind die Werte aus den Versuchsreihen: 31,5 und 32 Grad im Laborstandard, 32 Grad beim Raclette-Versuch, 33,5 Grad in einem weiteren Ansatz. In diesen Versuchen lag die Einlabtemperatur also bei rund 31 bis 33,5 Grad. Das ist kein allgemeiner Korridor. Sortenpflichtenhefte nennen ausdrücklich andere Werte — das Glarner Alpkäse-Pflichtenheft etwa 30 bis 33 Grad, die Agroscope-Rezepturen für Ziegenkäse je nach Typ 30, 32 oder 36 Grad. Maßgeblich ist immer die Vorgabe für deine Sorte, nicht ein gemittelter Bereich aus Laborversuchen.

Für das Nachwärmen und Brennen des Bruchs nennt das österreichische Codex-Kapitel B 32 übliche Bereiche — beschreibend, nicht als Vorschrift:

KäsegruppeTemperatur beim Nachwärmen
Schnittkäse37–38 °C
halbharter Schnittkäsemax. 42 °C
gebrannter Hartkäse50–55 °C
Graukäse48–52 °C

Diese Werte betreffen den Bruch nach dem Schnitt, nicht die Einlabung. Sie sind aber der Grund, warum die Kulturwahl an der Dicklegung hängt: Eine mesophile Kultur überlebt das Brennen eines Hartkäses nicht. Wie du Kulturen dazu passend auswählst, steht im Leitfaden zu Käsekulturen auswählen und dosieren.

Naturlab, mikrobielles Lab oder Fermentationslab?

Drei Gruppen teilen sich den Markt, plus pflanzliche Koagulanzien wie Distel.

Naturlab kommt aus Kälber-, Kitz- oder Lämmermägen und besteht aus Chymosin und Pepsin. Der Chymosinanteil steht auf dem Etikett, üblich sind 80/20 bis 94/6.

Mikrobielles Lab wird von Schimmelpilzen wie Rhizomucor miehei gebildet. Es ist ein Labaustauschstoff und deckt die Nachfrage von Betrieben, die kein Tiermagenprodukt einsetzen wollen.

Fermentationschymosin (FPC) ist reines Chymosin, das von Mikroorganismen gebildet wird — hier steckt der entscheidende Unterschied für Österreich, dazu unten mehr.

Wirtschaftlich sind die Unterschiede messbar. Kälberlab braucht für dieselbe Gelfestigkeit am Schneidzeitpunkt rund 10 Prozent weniger IMCU als mikrobielles Lab und brachte in den Versuchen 0,50 bis 1,19 Prozent mehr Käseausbeute. Bei 0,5 Prozent relativer Ausbeutedifferenz sind das 4 bis 6 Euro Mehrerlös je 10.000 Liter Kesselmilch (Preisbasis der Studie, 2011). Dem steht der in der Regel günstigere Einkaufspreis der mikrobiellen Präparate gegenüber — konkrete Preise nennen die Quellen nicht, das rechnest du mit deinen Angeboten selbst. Wie du die Ausbeute überhaupt sauber misst, zeigt der Beitrag Käseausbeute berechnen.

Und die Qualität? Ein Schweizer Vergleich von vier Kälberlab-, zwei mikrobiellen und einem Distel-Koagulans am Raclette zeigte: Wassergehalt nach 24 Stunden und nach vier Monaten wurde vom Gerinnungsmittel nicht signifikant beeinflusst, der OPA-Wert als Maß der sekundären Eiweißspaltung ebenfalls nicht. Auch der Chymosinanteil im Kälberlab (77 bis 95 Prozent) hatte kaum Einfluss. Der einzige sensorische Unterschied: Käse mit Kälberlab war tendenziell fester im kalten Zustand und gummiger im warmen — beim Raclette gilt Letzteres als Fehler. Wer auf gleiche Gallertefestigkeit dosiert, verliert also nichts.

Warum wird mein Käse bitter?

„Zu viel Lab macht bitter“ stimmt nur halb — und der Effekt hängt am Labtyp.

Bei Kälberlab steigt die unspezifische Eiweißspaltung, wenn du von 30 auf 60 IMCU je Liter verdoppelst, um rund 50 Prozent. Danach steigt sie nicht weiter. Bei mikrobiellem Lab dagegen nimmt sie über den gesamten geprüften Bereich von 30 bis 180 IMCU je Liter kontinuierlich zu, am stärksten in den ersten 24 Stunden.

Im Geschmackstest wird daraus erst mit der Zeit ein Problem. Beim Schnittkäse vom Gouda-Typ zeigte der paarweise Vergleich nach 8 Wochen keinen signifikanten Unterschied (66 Einzelurteile eines Panels aus 11 geschulten Prüfern, paarweise Differenzprüfung nach EN ISO 5495, P = 0,71). Nach 12 Wochen war der Käse mit mikrobiellem Lab signifikant bitterer — im Pilotmaßstab bei P = 0,005 (66 Urteile), im Industriemaßstab bei P = 0,016 (30 Urteile). Verantwortlich sind Bitterpeptide aus 2 bis 23 Aminosäuren mit hohem Anteil hydrophober Gruppen.

Zwei Gegenproben halten die Sache im Rahmen. Beim Camembert war kein Bitterunterschied feststellbar: Die starke Eiweißspaltung durch Penicillium camemberti überlagert den Effekt, und der hohe Fettgehalt in der Trockenmasse hebt die Wahrnehmungsschwelle. Bei fettreduziertem Käse tritt Bitterkeit dagegen häufiger auf. Und im Schweizer Raclette-Versuch fand sich nach vier Monaten kein signifikanter Bitterunterschied zwischen den sieben Gerinnungsmitteln — vorausgesetzt, es wurde auf gleiche Gallertefestigkeit dosiert.

Die ehrliche Zusammenfassung lautet also: Bitter wird es über die Reifezeit ab etwa 12 Wochen, über den Labtyp und über Überdosierung. Nicht automatisch beim Weichkäse nach zwei Wochen.

Was gilt für Lab in Deutschland, Österreich und der Schweiz?

Hier hat sich gerade etwas Grundlegendes geändert — und die meisten Ratgeber im Netz sind noch auf dem alten Stand.

Deutschland. Die Milchproduktqualitätsverordnung (MilchPQV) ist am 14. Juni 2026 in Kraft getreten, verkündet im BGBl. 2025 I Nr. 280 vom 27. November 2025. Käseverordnung, Milcherzeugnisverordnung, Butterverordnung und die Konsummilch-Kennzeichnungsverordnung sind am 14. Juli 2026 außer Kraft getreten. Für die Praxis wichtig: Altware darf bis zum Abverkauf der Bestände weiterlaufen, vorhandene Verpackungen bis 31. Dezember 2027.

Zur Dicklegung erlaubt § 28 der MilchPQV unter Nummer 6 Lab sowie Zubereitungen aus Lab, Wiederkäuermagenpepsin oder Schweinemagenpepsin — vorausgesetzt, der Chymosin-Anteil der Zubereitung beträgt mindestens 25 Prozent. Nummer 7 erlaubt Labaustauschstoffe. Definiert sind diese in § 3 Abs. 1 Nr. 20 als „eine Zubereitung von Enzymen auf mikrobieller oder pflanzlicher Basis, wenn die Zubereitung dazu bestimmt ist, anstelle von Lab zur Dicklegung von Milch bei der Herstellung von Käse zu dienen“. Und § 3 Abs. 2 Nr. 7 in Verbindung mit § 4 stellt klar: Der Begriff „mikrobielles Lab“ ist dem Begriff „Labaustauschstoff“ gleichgestellt und darf bei der Kennzeichnung verwendet werden.

Österreich. Das Codex-Kapitel B 32 setzt in Abschnitt 3.1.3.1 strengere Werte und zieht eine zusätzliche Linie. Genannt sind Lab aus Kälber-, Kitz- oder Lämmermägen mit mindestens 75 Prozent Chymosinanteil, Mischungen von Lab und Pepsin von Wiederkäuern mit mindestens 25 Prozent Chymosinanteil sowie Labaustauschstoffe wie mikrobielles Lab. Danach folgt der Satz, der für Hofkäser praktisch entscheidend ist: „Durch gentechnologisch veränderte Organismen hergestellte Labstoffe werden nicht verwendet.“

Fermentationschymosin wird von gentechnisch veränderten Mikroorganismen gebildet und fällt damit aus dieser Beschreibung heraus. Der Codex ist dabei kein Verbotsgesetz, sondern die verschriftlichte Verkehrsauffassung — keine bindende Rechtsnorm, sondern die verschriftlichte Verkehrsauffassung. Er beschreibt, was der Markt unter dem Produkt versteht. Was das für dein Etikett und deine Auslobung bedeutet, klärst du für deinen Betrieb mit der zuständigen Behörde. Der aktuelle Stand des Kapitels trägt die Geschäftszahl 2025-0.879.857 vom 4. Dezember 2025.

Schweiz. Dort ist die Lage freiwillig geregelt. Agroscope hält fest: „Obwohl gentechnisch hergestellte Gerinnungsmittel zugelassen sind, hat die Schweizer Käsebranche beschlossen, auf ihre Verwendung zu verzichten.“

Damit steht der DACH-Dreiklang: In Deutschland sind Labaustauschstoffe und Lab mit mindestens 25 Prozent Chymosin geregelt zulässig, in Österreich schließt die Verkehrsauffassung gentechnisch erzeugte Labstoffe aus, und in der Schweiz verzichtet die Branche freiwillig darauf.

Darf ich meinen Käse „vegetarisch“ nennen?

Hier gibt es weniger festen Boden, als viele annehmen. Uns ist (Stand Juli 2026) keine unionsrechtliche Begriffsbestimmung für „vegetarisch“ bekannt; Art. 36 Abs. 3 lit. b LMIV sieht vor, dass die Kommission dazu Durchführungsrechtsakte erlassen kann. Ob und in welcher Fassung das inzwischen geschehen ist, prüfst du vor einer Auslobung selbst.

Praktisch heißt das: Naturlab wird aus Kälbermägen gewonnen und ist damit tierischen Ursprungs. Ob ein damit hergestellter Käse als „vegetarisch“ ausgelobt werden darf, ist eine Rechtsfrage, die wir hier bewusst nicht beantworten — die Auslegung dazu liegt bei den Überwachungsbehörden und ist nicht einheitlich dokumentiert. Kläre eine solche Auslobung vor dem ersten Etikett mit deiner zuständigen Behörde. Wer die Frage umgehen will, beschreibt auf dem Etikett die Herstellungsart (etwa „mit mikrobiellem Lab“), ohne eine Ernährungsform auszuloben.

Daraus folgt eine Falle, die auch Kundinnen und Kunden betrifft: Kein Lab auf dem Etikett heißt nicht „ohne Lab“. Der Grund ist aber ein anderer, als oft erzählt wird. Reiner Käse braucht nach Art. 19 Abs. 1 lit. d LMIV überhaupt kein Zutatenverzeichnis — außer bei Frisch- und Schmelzkäse, wo schon das Salz die Liste zur Pflicht macht — dann steht dort auch kein Lab. Sobald aber eine Liste geführt wird, auch freiwillig, gehört das Lab hinein: Die deutsche Überwachungspraxis behandelt es als Lebensmittelenzym und damit als Zutat im Sinn von Art. 18 LMIV (ALS/ALTS-Gesamttabelle, Beschluss 2017/79/31). Die ältere Lesart, Lab sei ein reiner Verarbeitungshilfsstoff und darum nie anzugeben, ist damit überholt. Wer wissen will, welches Lab im Käse steckt, fragt also am besten nach.

Was davon wie aufs Etikett gehört, ist ein Kennzeichnungsthema und kein Herstellungsthema. Die Regeln dazu stehen im Kennzeichnungs-Wissen: Muss Lab ins Zutatenverzeichnis?.

Die häufigsten Fehler beim Labern

BeobachtungWahrscheinliche UrsacheAnsatzpunkt
Gallerte bleibt weich, Molke trübzu wenig aktives Lab im KesselIMCU nachrechnen statt Milliliter schätzen
Menge aus fremdem Rezept übernommenandere Labstärke als im RezeptDatenblatt der eigenen Charge prüfen
Flockung viel früher als sonststärkere Charge oder höhere TemperaturFlockungszeit notieren, Dosis anpassen
Käse wird ab Woche 12 bitterÜberdosierung, besonders mikrobielles Labauf gleiche Gallertefestigkeit dosieren
Ergebnis schwankt von Woche zu WocheMilch, Temperatur und Dosis nicht dokumentiertChargenprotokoll führen

Der rote Faden ist immer derselbe: rechnen statt schätzen, dann am Kessel prüfen. Zu wenig Lab lässt die Gallerte weich bleiben, der Bruch zerfällt beim Schneiden und die Molke läuft trüb ab — eine belastbare Zahl für den Ausbeuteverlust dabei gibt es in der Literatur nicht, wohl aber die klare Richtung. Wer stattdessen zu viel gibt, spart nichts und riskiert beim langgereiften Käse Bitterkeit.

Was du mitnimmst

Lab dosieren ist Rechnen, keine Tropfenzählerei. Du brauchst drei Zahlen: die Milchmenge, das IMCU-Ziel je Liter und die Stärke deiner Flasche. Der Rest ist eine Division. Der Flockungstest sagt dir danach, ob die Rechnung für deine Milch gestimmt hat.

Halte den Labtyp und die IMCU je Charge fest — er entscheidet über Ausbeute, über die Bitterkeit ab der zwölften Woche und in Österreich über die Frage, ob das Präparat zur Verkehrsauffassung passt. Wer die Ausstattung dafür erst zusammenstellt, findet die Grundlagen im Beitrag zur Ausstattung einer Hofkäserei.


Dieser Beitrag gibt allgemeine fachliche Informationen aus der Käsereipraxis und aus veröffentlichten Versuchsreihen wieder und ersetzt keine betriebliche Eigenkontrolle oder Beratung. Die genannten IMCU-Werte stammen aus Messreihen an handelsüblichen Präparaten; für dein Lab gilt das Datenblatt deiner Charge. Rechtliche Angaben geben den im Beitrag genannten Veröffentlichungsstand wieder (Rechtsstand: 28. Juli 2026) — für deinen Betrieb, deine Auslobung und dein Etikett stimmst du sie mit der zuständigen Behörde oder deiner Fachberatung ab.


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Häufige Fragen

Wie viel Lab brauche ich für 100 Liter Milch?
Das hängt von der Stärke deiner Flasche ab. Rechne mit einem Ziel von rund 30 bis 50 IMCU je Liter. Bei 40 IMCU je Liter sind das 4.000 IMCU für 100 Liter — also 28,8 ml bei einem Lab mit 139 IMCU/ml, aber nur 4,4 ml bei 912 IMCU/ml. Ohne die IMCU-Angabe auf dem Etikett ist jede Milliliter-Faustzahl Glückssache.
Was bedeutet IMCU auf der Labflasche?
IMCU steht für International Milk Clotting Units, also die Gerinnungsstärke. Gemessen wird über die Berridge-Flockungszeit gegen ein Referenzenzym — für Kälberlab und Fermentationschymosin nach ISO 11815 | IDF 157:2007, für mikrobielle Koagulanzien nach ISO 15174 | IDF 176:2012. IMCU ist die einzige Angabe, mit der du zwischen zwei Präparaten sauber umrechnen kannst.
Wird Käse bitter, wenn ich zu viel Lab nehme?
Nur teilweise. Bei Kälberlab steigt die unspezifische Eiweißspaltung von 30 auf 60 IMCU je Liter um rund 50 Prozent und danach nicht weiter. Bei mikrobiellem Lab steigt sie über den ganzen Bereich von 30 bis 180 IMCU je Liter weiter an. Im Schnittkäse vom Gouda-Typ war der Unterschied nach 8 Wochen nicht signifikant (P = 0,71), nach 12 Wochen dagegen deutlich (P = 0,005).
Darf ich Käse mit mikrobiellem Lab in Österreich verkaufen?
Das Codex-Kapitel B 32 nennt Labaustauschstoffe wie mikrobielles Lab ausdrücklich als zulässigen Zusatz. Es hält aber auch fest, dass durch gentechnologisch veränderte Organismen hergestellte Labstoffe nicht verwendet werden. Das betrifft Fermentationschymosin. Der Codex ist Verkehrsauffassung, kein Verbot — kläre die Auslobung für deinen Betrieb mit der Behörde.
Warum steht auf meinem Käse-Etikett kein Lab?
Weil reiner Käse nach Art. 19 Abs. 1 lit. d LMIV gar kein Zutatenverzeichnis braucht — ohne Liste steht dort auch kein Lab. Wird eine Liste geführt, gehört Lab nach deutscher Überwachungspraxis hinein (ALS/ALTS-Beschluss 2017/79/31: Lab ist Lebensmittelenzym und damit Zutat nach Art. 18 LMIV). Ein fehlender Eintrag heißt also nicht, dass kein Lab drin war.
Ist Kälberlab oder mikrobielles Lab wirtschaftlicher?
Kälberlab braucht für dieselbe Gallertefestigkeit rund 10 Prozent weniger IMCU und brachte in Versuchen 0,50 bis 1,19 Prozent mehr Käseausbeute. Umgerechnet sind das etwa 4 bis 6 Euro Mehrerlös je 10.000 Liter Kesselmilch (Preisbasis der Studie, 2011) bei 0,5 Prozent Ausbeutedifferenz. Dem steht der meist günstigere Einkaufspreis der mikrobiellen Präparate gegenüber.

Quellen

  1. Milchproduktqualitätsverordnung (MilchPQV), BGBl. 2025 I Nr. 280 vom 27.11.2025 — Volltext (§ 3, § 4, § 28, § 67, Art. 9, Art. 10)
  2. Österreichisches Lebensmittelbuch, Codex-Kapitel B 32 Milch und Milchprodukte, Abschnitt 3.1.3 (Zusätze bei der Käseherstellung)
  3. Codex-Kapitel B 32 — Gesamt-PDF, Stand 4.12.2025 (GZ 2025-0.879.857)
  4. Agroscope Transfer Nr. 495/2023 — Gerinnungsmittel im Vergleich (Raclette aus thermisierter Milch, 70-l-Kessi)
  5. Jacob, M. (2011): Dissertation TU Dresden — Labstärken in IMCU, Dosierversuche, Ausbeute und Bitterkeit
  6. ISO 11815 | IDF 157:2007 — Bestimmung der Gesamt-Gerinnungsaktivität von Kälberlab (IMCU)
  7. ISO 15174 | IDF 176:2012 — Bestimmung der Gesamt-Gerinnungsaktivität mikrobieller Koagulanzien
  8. VO (EU) Nr. 1169/2011 (LMIV) — Art. 18-20 (Zutatenverzeichnis; Art. 19 Abs. 1 lit. d Ausnahme für Käse), Art. 36 Abs. 3

Eigene Beobachtung: Hofwerk-Rechenweg für die Labmenge: ml Lab = (Liter Milch × Ziel-IMCU je Liter) geteilt durch IMCU je Milliliter. Für 100 Liter bei 40 IMCU je Liter (= 4.000 IMCU) ergibt das mit Naturen (139 IMCU/ml) 28,8 ml, mit BioRen Classic (190) 21,1 ml, mit Fromase 750XLG (765) 5,2 ml, mit Chy-Max M (912) 4,4 ml und mit einem Labpulver zu 2.200 IMCU/g rund 1,8 g (Pulver-Zeile als Rechenbeispiel, nicht als Produktangabe). Gegenprobe: Die Dosierempfehlung der eigenen Flasche mit derselben Formel auf IMCU je Liter zurückrechnen — landet sie im Korridor 30 bis 50, passen Empfehlung und Rechnung zusammen. Derselbe Zielwert bedeutet also 4,4 oder 28,8 Milliliter, je nach Flasche.

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Hinweis: Dieser Artikel fasst öffentlich zugängliche Quellen zusammen und ist keine Steuer- oder Rechtsberatung. Angaben zu Kennzeichnungspflichten basieren auf der jeweils zitierten Fassung der Milchproduktqualitätsverordnung (MilchPQV — sie löst die Käseverordnung zum 14.07.2026 ab), des EU-Milchhygiene-Rechts (VO (EG) 853/2004), der LMIV (EU 1169/2011) und nationaler Umsetzungsgesetze. Vor Produktionsentscheidungen empfehlen wir Rücksprache mit der zuständigen Landwirtschaftskammer oder einem Lebensmittelrechtler. Stand der hier zitierten Quellen: 29. Juli 2026.

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